Donnerstag, 14. Juli 2016

Lieber Extra-Langsam-Geher,

ich finde es toll, dass du alle Zeit der Welt hast. Das macht mich richtig neidisch. Alle Zeit der Welt zu haben ist bestimmt ein tolles Gefühl.
Wenn ich dir zusehe, wie du gemütlich über die Straße schlenderst und dabei so einen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck zur Schau stellst, bestätigt das meine Annahme.
Bestimmt möchtest du mich gerne teilhaben lassen an diesem tollen Gefühl. Ich denke, das ist der Grund, warum du so nett in meine Richtung lächelst. Wüsste ich es nicht besser, ich würde dein Lächeln als süffisantes Grinsen bezeichnen, aber dazu hast du ja gar keinen Anlass, oder? Schließlich kennen wir uns gar nicht.
Und dass der Mittelfinger gerade bleibt in der ansonsten geschlossenen Hand, während du mir zuwinkst, liegt sicherlich an einer Verletzung …

Trotz dass du so nett winkst, finde ich es etwas ärgerlich, dass du so gemütlich über die Straße schlenderst, während ich ohnehin schon zu spät dran bin, dich aber erst noch zu Ende schlendern lassen muss, bevor ich weiterfahren kann.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: DU bist zu Fuß auf der Fahrbahn und ICH sitze in einem Fahrzeug. Per Definition befindest DU dich also in MEINEM Revier und ich muss gar nichts.
Vier Meter weiter gibt es einen Zebrastreifen, im Amtsdeutsch auch Fußgängerüberweg (FGÜ) genannt. Eventuell weißt du schon, worauf ich hinaus will? Das Wort Fußgängerüberweg impliziert die Verwendung durch einen Fußgänger, in unserem Fall also dich. Dort ist DEIN REVIER. Im Bereich des Zebrastreifens hast du Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern (und zwar seit 1964 offiziell, hat 12 Jahre gedauert von der Einführung der Zebrastreifen in Deutschland bis zur gesetzlichen Verankerung des fußgängerlichen Vorrechts auf diesen).

Hier, wo du gerade gemütlich schlenderst, habe ich Vorrang. 
Und du verstößt gegen §25, Absatz 3 der StVO. (Vermutlich interessiert dich das nicht die Bohne, aber das musste mal gesagt werden.)

Ich weiß aber, dass ich als Verkehrsteilnehmer an den elementaren Grundsatz der gegenseitigen Rücksichtnahme gebunden bin und deswegen ja doch irgendwie irgendetwas „muss“. Du zwar auch, aber der Klügere gibt ja bekanntlich nach, deswegen stehe ich hier und warte, bis du schlendermäßig die andere Straßenseite erreicht hast.
Und es heißt ja, Fußgänger sind Autofahrer mit zu wenig Geld oder zu viel Zeit. Was mich wieder zum Anfang zurück bringt.

Alle Zeit der Welt zu haben ist schon etwas unverschämt, um nicht zu sagen habgierig. Da bleibt ja gar nichts mehr für die anderen übrig! Kein Wunder, dass heutzutage niemand mehr Zeit hat, du hast sie ja alle!

Könntest du mir ein kleines bisschen davon abgeben? Etwas schneller über die Straße und ich dafür etwas weniger lang in der Warteposition? Das wäre doch ein Kompromiss, oder nicht?

… und wenn noch genug Zeit übrig ist, dann würde ich dir noch einen Arztbesuch empfehlen, das mit deinem Mittelfinger, das sieht irgendwie nicht gut aus …

Liebe Grüße,
deine Keine-Zeit-Haberin

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