Freitag, 1. Juli 2016

Lieber Einkaufswagen-zur-Seite-Schieber, 

ich weiß schon, es ist total nervig, wenn die Einkaufswagen mitten im Gang stehen und man weder rechts noch links dran vorbeikommt. Ärgerliche Sache, schließlich muss der Verkehr fließen, auch im Supermarkt. Das sehe ich genauso. Absolut. Ich werde den Einkaufswagen-im-Weg-Stehenlassern auch mal einen Brief schreiben.

Aber dieser Brief ist erst einmal an dich und dient der Aufklärung: Es gibt nämlich einen, und ich betone EINEN, aus meiner Sicht zulässigen Grund, seinen Einkaufswagen in der Mitte des Ganges stehen zu lassen. Und dieser Grund sitzt in Form eines Kleinkindes darin.
„Das ist ein Kindersitz?“, bist du vielleicht jetzt erstaunt. Macht ja nichts, dass du das nicht wusstest, die Handtasche fühlt sich dort auch wohl. Aber ja, prinzipiell ist das ein Kindersitz und der ist auch recht praktisch, denn die Mutter (oder natürlich auch der Vater) hat beide Hände frei, um den Wagen zu schieben und Einkäufe hinein zu legen. 

Dumm ist nur, dass das Kind, welches in dem Wagen sitzt, ebenfalls beide Hände frei hat … 

Kinder sind grundsätzlich bestrebt, ihren Eltern zu gefallen (zumindest noch in dem Alter, in dem der Kindersitz im Einkaufswagen Relevanz hat), deswegen helfen sie natürlich gerne beim Einkaufen. 
Jetzt können diese Kinder im Regelfall noch nicht Lesen und die Mutter (oder natürlich auch der Vater) hat den Einkaufszettel nicht mit der Anwendung Kleinkind 1.0 synchronisiert … 

Folgendes spielt sich nun so oder so ähnlich ab: Die Mutter (oder natürlich auch der Vater) geht nach über Jahre hinweg ausgefeiltem Konzept den Einkaufszettel gemäß der Warenanordnung in den Gängen durch und bestückt den Einkaufswagen entsprechend Bedarf.
Soweit ist noch alles unter Kontrolle. 

Am Kühlregal mit den Milchprodukten fällt der Mutter (oder natürlich auch dem Vater) plötzlich ein, dass sie zusätzlich zu den Äpfeln ja dieses Mal auch Birnen kaufen könnte. Aus Gründen der ökonomisch-effizienten Einkaufsführung lässt sie (oder er) den Wagen samt Kind und bisher eingefüllten Waren beim Kühlregal stehen. Und zwar aus oben genannten Gründen zur Mitte des Ganges hin. 
Die Formel für den notwendigen Abstand zum Regal, um das Kind und die Kühlwaren in ungefährlichem Abstand zueinander zu halten, beträgt hierbei: 
die Armlänge des Kindes Aml plus den Beugungswinkel des kindlichen Oberkörpers BO (und Kinder sind SEHR beweglich) multipliziert mit dem Willen des Kindes, das Regal zu erreichen WRa … mal zwei … geteilt durch die Wirksamkeit der elterlichen Ermahnung, schön artig zu sein Sb plus die Sicherheitstoleranz St ≥ 10 cm.

Soweit ist immer noch alles unter Kontrolle. 
Und jetzt kommst du! 
Ärgerst dich über den Wagen, den irgend so ein Idiot wieder mitten im Weg hat stehen lassen. Und schiebst ihn zur Seite. 

Du ahnst, was jetzt kommt? 

In deinem Ärger entgeht dir das Aufleuchten im Gesicht des Kindes. Oder du denkst, es lächelt dich an … 
Abhängig von der Variablen Sb wird das Kind nun sehr wahrscheinlich damit beginnen, den Wagen selbst zu befüllen. Dass die Mutter (oder natürlich auch der Vater) gar nicht 5 Liter Sahne benötigt, kann es ja nicht wissen. Schliesslich macht es nur, was Kinder in dem Alter so machen: es ahmt seine Eltern nach, und die nehmen bunte Verpackungen aus dem Regal und legen sie in den Korb.

Manche Kinder haben eine eingebaute Alarmanlage, die losschlägt, sobald sich jemand Fremdes nähert. In diesem Fall Pech für dich, musst du einen anderen Gang nehmen.
 
In den meisten Fällen aber kommt es anders. Während also die Mutter (oder natürlich auch der Vater) noch zwischen Abate und Williams Christ abwägt, hat das Kind fröhlich Sahne, Schmand, Crème fraîche und Kräuterquark in den Wagen geschaufelt. Das bekommst du meistens gar nicht mehr mit, bist ja schon weitergegangen und ärgerst dich nicht mehr ganz so stark, weil das Kind dich so nett angelächelt hat

Die Mutter (oder natürlich auch der Vater) bekommt das leider oft auch nicht sofort mit. Die Ablenkungen sind vielfältig … aber das ist ein anderes Thema.

Glück hierbei hat noch, wessen Kind den Einkaufswagen auch tatsächlich trifft. Wer schon einmal auf einem nicht drehbaren Stuhl mit Arm- und Rückenlehne sitzend versucht hat, einen Gegenstand in einen direkt hinter ihm befindlichen Behälter zu füllen, ahnt vielleicht, wie schwierig das sein kann. Möglicherweise landet die Sahne nämlich dann auf dem Boden, was den Peinlichkeitsfaktor nicht gerade verringert.
 
Spätestens an der Kasse jedoch kommt das böse Erwachen. Aus meiner Sicht sind das die drei peinlichsten Geschehnisse an der Supermarktkasse: 
  1. Portemonnaie vergessen 
  2. Obst/Gemüse nicht abgewogen 
  3. Falscher Inhalt im Einkaufswagen 

Jetzt muss schnell entschieden werden: Die Sachen unbemerkt im Sonderangebote-Korb vor der Kasse verschwinden lassen? Dem Kind vor allen Leuten eine Szene machen? Der Kassiererin alle ungewollten Artikel zum späteren Wegräumen überlassen? Oder sich jede Peinlichkeit ersparen und die Produkte einfach mitkaufen? Werden sich schon verwerten lassen. 
Die Mutter (oder natürlich auch der Vater) entscheidet sich meistens für die letzte Option, allein schon, weil die ganzen vorangegangenen Diskussionen und Erklärungen mit und für das Kind (Nein, wir kaufen keinen Pudding./Weil du den nicht magst./ Nein wir kaufen keine Bärchenwurst./Weil die doppelt so viel kostet wie die normale./ Nein, wir brauchen keine Nudeln./ Weil unser Vorratsschrank noch voll ist mit Nudeln.) bereits die letzten Energiereserven aufgebraucht haben. Also wird einfach zähneknirschend bezahlt und innerlich auf den Einkaufswagen-zur-Seite-Schieber geschimpft, dem man das Ganze nur zu gern in Rechnung stellen würde. 

Puh ... jetzt kann ich nicht mehr. 

Ich hoffe, dass ich dir den zulässigen Grund für das Stehenlassen des Einkaufswagens in der Mitte des Ganges näher bringen konnte und du das in Zukunft berücksichtigst. Die Formel hast du ja jetzt, falls du das nächste Mal einen Wagen zur Seite schieben musst. 

Allerdings … während ich das hier schreibe, habe ich eine Erkenntnis: Wahrscheinlich bist du vom Supermarkt als Einkaufswagen-zur-Seite-Schieber (Neudeutsch: shopping trolley adjustment manager) engagiert, um den Umsatz zu erhöhen. Das ist ja eine ganz raffinierte Methode … 

Liebe Grüsse, 
deine Einkaufswagen-im-Weg-Stehenlasserin

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